Cradle-to-Gate
Cradle-to-Gate, Cradle-to-Grave und Cradle-to-Cradle sind die drei zentralen Systemgrenzoptionen in LCA- und PCF-Berechnungen. Sie legen fest, welche Lebenszyklusphasen in einer CO₂-Fußabdruckbewertung berücksichtigt werden.
Cradle-to-Gate, Cradle-to-Grave & Cradle-to-Cradle: Systemgrenzen in LCA und PCF
Bei jeder Life Cycle Assessment (LCA) oder Product Carbon Footprint (PCF)-Berechnung gehört die Wahl der Systemgrenze zu den ersten und folgenreichsten methodischen Entscheidungen: Sie legt fest, welche Lebenszyklusphasen eines Produkts in die Bewertung einbezogen werden und welche außen vor bleiben. Die drei häufigsten Systemgrenzen sind Cradle-to-Gate, Cradle-to-Grave und Cradle-to-Cradle. Jede erfasst einen anderen Ausschnitt des Produktlebenszyklus – von der Rohstoffgewinnung an der „Wiege" bis zur Entsorgung oder Rückführung am „Grab" oder zurück zur „Wiege" – und hat unterschiedliche Konsequenzen dafür, was der resultierende CO₂-Wert aussagt, wie er verwendet werden kann und welche regulatorischen Anforderungen er erfüllt.
Der Produktlebenszyklus im Überblick
Um die Systemgrenzen zu verstehen, hilft ein Blick auf den vollständigen Lebenszyklus eines Produkts:
- Rohstoffgewinnung — Abbau, Ernte oder Aufbereitung von Primärmaterialien
- Materialverarbeitung und Fertigung — Umwandlung von Rohmaterialien in Komponenten und Fertigprodukte
- Transport und Distribution — Bewegung von Materialien und Produkten zwischen Lieferanten, Herstellern und Kunden
- Produktnutzung — Energie, Verbrauchsmaterialien oder Wartung während der Betriebslebensdauer
- End-of-Life — Entsorgung, Verbrennung, Recycling oder Wiederverwendung nach dem Ende der Nutzungsdauer
Jede Systemgrenze ist eine Entscheidung darüber, wie viele dieser Phasen einbezogen werden – und die Wahl muss in jedem ISO-14067- oder GHG-Protocol-konformen PCF explizit dokumentiert werden.
Cradle-to-Gate
Cradle-to-Gate umfasst die Phasen 1 bis 3 – von der Rohstoffgewinnung über die Fertigung bis zu dem Punkt, an dem das Produkt das Werkstor verlässt (vor der Auslieferung an den Kunden). Es erfasst den sogenannten Embodied Carbon eines Produkts: die Emissionen, die durch seine Herstellung im Produkt stecken, unabhängig davon, wie es später genutzt oder entsorgt wird.
Cradle-to-Gate ist die häufigste Systemgrenze im B2B-Lieferkettenkontext. Sie ist der Standardansatz für:
- Lieferanten-PCF-Daten, die von Herstellern oder OEMs angefordert werden
- Emissionsfaktoren auf Materialebene in LCA-Datenbanken
- Scope-3-Kategorie-1-Berechnungen (eingekaufte Güter und Dienstleistungen)
- Environmental Product Declarations (EPDs) für Bau- und Industriematerialien
- Produktdesignvergleiche in frühen Entwicklungsphasen, wenn die nachgelagerte Nutzung variabel oder unbekannt ist
Was sie ausschließt: Auslieferungstransport zum Kunden, Produktnutzungsphase und End-of-Life-Behandlung. Wird Cradle-to-Gate als Systemgrenze gewählt, muss dies explizit offengelegt werden – ISO 14067 verlangt Transparenz über ausgeschlossene Phasen, damit Empfänger der Daten deren Geltungsbereich verstehen.
Cradle-to-Grave
Cradle-to-Grave umfasst den vollständigen Produktlebenszyklus – alle fünf Phasen von der Rohstoffgewinnung bis zur End-of-Life-Entsorgung. Es liefert das vollständigste Bild der Klimawirkung eines Produkts und ist deshalb die bevorzugte Systemgrenze für:
- Verbrauchergerichtete CO₂-Fußabdruckdeklarationen
- CSRD- und ESRS-E1-Offenlegungen, die nachgelagerte Scope-3-Kategorien umfassen
- Wissenschaftsbasierte Zielsetzung und Net-Zero-Ausrichtung
- PCF-Deklarationen nach der EU-Batterieverordnung
- Vollständige LCA-Studien für regulatorische oder strategische Zwecke
Die Herausforderung bei Cradle-to-Grave-Bewertungen liegt in der Datenverfügbarkeit: Nutzungsphase und End-of-Life sind oft schwerer zu erfassen als vorgelagerte Fertigungsdaten – insbesondere für Produkte, die in mehreren Ländern mit unterschiedlichen Energiemixen und Abfallinfrastrukturen genutzt werden. Hier werden verifizierte Sekundäremissionsfaktoren und belastbare Lebenszyklus-Datenbanken unverzichtbar.
Cradle-to-Cradle
Cradle-to-Cradle ist eine Variante von Cradle-to-Grave, bei der die End-of-Life-Phase durch eine Recycling- oder Rückgewinnungsphase ersetzt wird, die Materialien wieder in den Produktionskreislauf einspeist. Statt das Produktleben als linearen Prozess zu modellieren, der in der Entsorgung endet, bildet Cradle-to-Cradle einen geschlossenen Materialkreislauf ab – im Einklang mit den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft.
In der Praxis ist Cradle-to-Cradle-Bilanzierung methodisch anspruchsvoll: Es erfordert Entscheidungen darüber, wie die CO₂-Gutschrift für recyceltes Material zugewiesen wird (zum Zeitpunkt der Erfassung oder der Wiedereinspeisung in die Produktion?) und wie Unterschiede zwischen dem Ursprungsmaterial und dem Recyclingersatz behandelt werden. ISO 14067 und das GHG Protocol geben Orientierung zu Allokationsansätzen, aber die resultierenden CO₂-Werte können je nach gewählter Methodik erheblich variieren.
Die richtige Systemgrenze wählen
Die richtige Systemgrenze hängt vom Zweck der Bewertung ab:
- Lieferanten-PCF für Kunden-Scope-3: Cradle-to-gate
- Produktdesignvergleich: Cradle-to-gate
- Verbrauchergerichtetes CO₂-Label: Cradle-to-grave
- CSRD / ESRS-E1-Offenlegung: Cradle-to-grave
- PCF nach EU-Batterieverordnung: Cradle-to-grave
- Kreislaufwirtschaftsstrategie: Cradle-to-cradle
- EPD (Environmental Product Declaration): Typischerweise Cradle-to-Gate oder Cradle-to-Grave
Wichtig: Ein Cradle-to-Gate-PCF kann Baustein einer Cradle-to-Grave-Bewertung sein. Stellt ein Lieferant einen verifizierten Cradle-to-Gate-Fußabdruck bereit, kann der Käufer nachgelagerte Phasen ergänzen, um das vollständige Bild zu erhalten – was die Erhebung von Lieferanten-PCF-Daten zu einem praktischen Ausgangspunkt für umfassende Lebenszyklus-Berichterstattung macht. Wie LCA und PCF in der Praxis mit diesen Systemgrenzen zusammenhängen, erläutert unser gesonderter Vergleichsartikel.
Systemgrenzen und regulatorische Compliance
Mit zunehmend detaillierten Nachhaltigkeitsregulierungen wird die Wahl der Systemgrenze immer häufiger durch das regulatorische Rahmenwerk selbst vorgegeben und nicht mehr dem berichtenden Unternehmen überlassen. CBAM etwa fokussiert auf eingebettete Produktionsemissionen – effektiv eine Gate-to-Gate- oder Cradle-to-Gate-Perspektive. Die EU-Batterieverordnung verlangt einen vollständigen Cradle-to-Grave-PCF. CSRD/ESRS E1 erfordert Scope-3-Offenlegungen, die nachgelagerte Kategorien einschließen, was für produktintensive Unternehmen Cradle-to-Grave-Daten notwendig macht.
Für Einkaufsteams, die CO₂-Daten von Lieferanten anfordern, ist es entscheidend, die Systemgrenzenerwartungen frühzeitig abzustimmen – und sicherzustellen, dass die PCF-Methodik des Lieferanten ISO-14067-konform ist – um Vergleichbarkeit und Auditfähigkeit zu gewährleisten.
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